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 Kurzprosa


Aus Brückenschlag 1992

 
Die Umarmung

Bleistift und Papier, das ist alles, was sie mir gelassen haben. Und das Nachtlicht über der Tür. Sicherer fühle ich mich dadurch nicht. Sie brauchen es, um mich Tag und Nacht beobachten zu können.
Papier und Bleistift, damit wusste ich schon immer besser umzugehen als mit der Sprache. Nicht, dass ich stumm geboren worden wäre. Nein, es hat sich im Laufe der Jahre so ergeben.

Du bekommst bald ein Brüderchen!
Großmütter, Großväter, Onkel und Tanten, sie alle gerieten schier aus dem Häuschen bei der Ankündigung.
Ich fühlte, dass meine wunderbaren Jahre zu Ende gehen sollten. Darum erwiderte ich hartnäckig: Ich will ein Schwesterchen! Selbst, als der Stammhalter endlich da war, und man mir mitteilte: Du hast ein Brüderchen bekommen! versuchte ich es ein letztes Mal mit der Beschwörungsformel: Es ist ein Schwesterchen!

Die nun folgenden Wochen waren die schwersten in meinem vierjährigen Leben. Endlose Tage, die Mama im Bett, das Brüderchen im Arm.
Ich sollte zum Spielen nach draußen gehen.
Draußen war es kalt. Die Nachbarskinder nahmen mich nicht für voll. Sie hatten unzählige große und kleine Geschwister. Ja, wenn ich wenigstens einen älteren Bruder gehabt hätte! Stattdessen musste ich immer warten, bis sich eine Nachbarin meiner erbarmte und mir die ständig klemmende Haustür öffnete. Sonst war mir der Weg in die Geborgenheit für Stunden abgeschnitten.
Wer hat dich schon wieder hereingelassen? fragte die Mutter.
Sie hielt das Brüderchen im Arm.
Du sollst doch drauáen spielen!
Und ich begann, mich in mich selbst zurückzuziehen.

Katja hat es nicht so gern, wenn man sie umarmt, hieß es im Familienkreis.
Aber ihr kleiner Bruder, der mag gern schmusen!
Ich mag das auch! schrie es in mir.
Über meine Lippen kam kein Laut.

Neue Hoffnung schöpfte ich, als mein Vater nach längerer Abwesenheit zurückkehrte. Das Brüßderchen brüllte bei seinem Anblick. Umsonst! Auch ihm war ein Junge, der ihn so offensichtlich ablehnte, lieber als ein freundliches Mädchen.

Jahre später schliefen mein Bruder und ich in der Kammer. Zwischen unseren beiden Eisenbetten war gerade so viel Platz, dass man bequem zum Fenster gelangen konnte. Eines Nachts hatte er einen bösen Traum und weinte. Zum ersten mal erwachten mütterliche Gefühle in mir. Ich nahm den Kleinen zu mir ins Bett und tröstete ihn, bis er einschlief. Ich genoss seine Nähe, als meine Mutter ins Zimmer stürzte und schrie: Was hast du dir dabei gedacht? Lass den Jungen schlafen! -
Aber er hatte doch solche Angst! versuchte ich mich zu rechtfertigen.

An meinem zwölften Geburtstag fiel ich aus allen Wolken, als mich meine Mutter in den Arm nahm und mir mit einem Kuss gratulierte. Ich zog mich weinend in die Toilette zurück. Das Weinen gehörte inzwischen zu meinen Hauptbeschäftigungen, besonders nach dem wöchentlichen Kinobesuch. In den alten Filmen unarmten sie sich ständig.
Liebespaare, Eltern, Kinder, Geschwister untereinander. Die Tränen, die ich im Kino schamhaft zurückzuhalten versuchte, flossen abends im Bett. Bis meine Mutter eines Tages die Taschentücher fand. Daraufhin wurde der Kinobesuch eingeschränkt.

Nach zehn Jahren der Abwesenheit kehrte ich ganz unverhofft in die Arme meines Vaters zurück.
Hast du aber eine große hübsche Tochter! sagten seine Kollegen. Er, der bisher nur Augen für seinen Sohn gehabt hatte, entdeckte seine Tochter wieder. Es traf sich gut, dass der Junge mitten in einer Wachstumskrise steckte. Er versagte in der Schule und tat grundsätzlich nie das, was man von ihm erwartete.
Mir war klar, dass diese Vorliebe nicht von Dauer sein würde. Trotzdem nahm ich die Aufmerksamkeit, die mir so unvermutet zufloss, dankbar an. Erst, als er sich bei einer Umarmung vergriff, zog ich mich auch äußerlich wieder zurück.

Später trat Jan in mein Leben. Wir trafen uns in dem Betrieb, in dem wir beide arbeiteten. Ich hatte ihn sehr gern. Und er mich auch. Ich ließ es zu, dass er mich in den Arm nahm. Doch als er anfing, mich festzuhalten und mich nicht wieder freigab, ergriff ich den nächstbesten Gegenstand - und stach zu.

Hier sind alle nett zu mir. Niemand kommt mir zu nahe. An sonnigen Tagen genieße ich es, mit der Schwester in den Park zu gehen. Wenn über mir in den alten Bäumen die Vögel singen, bin ich glücklich.
Nur in den Nächten versuche ich, durch allerlei Tricks zu verhindern, dass ich einschlafe. Denn im Schlaf nehmen sie Besitz von mir, all jene, die im Leben nichts mit mir zu tun haben wollten. Vater, Mutter, Großmütter, Tanten - alle greifen nach mir, umschlingen mich mit ihren Fangarmen, schnüren mir die Kehle zu, so dass ich weder atmen, noch schreien kann. Wenn sie mich gegen Morgen freigeben, fühle ich mich wie ausgelaugt.

Dann liege ich ganz still und warte auf die letzte große Umarmung. Ich werde bestimmt nicht versuchen, zu schreien.
Ich weiß, dass mich niemand hört.

co/Karin Rohner 1992 /
aus Brückenschlag 9 / 93, Zeitschrift für
Sozialpsychiatrie, Literatur und Kunst


 
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